WIG 64
1964 fand in Wien im Donaupark die erste Wiener Internationale Gartenschau (WIG 64) statt, 1974 das Revival die WIG 74 in Oberlaa.
Nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges und des Wiederaufbaus war der Wohlstand in Österreich angekommen.
In der Kriegs- und Nachkriegszeit fehlte verständlicherweise Geld und Kraft für exzessive gärtnerische Ausgestaltung und Extravaganzen. Zudem dienten viele Grünflächen und Gärten als Subsistenzflächen, auf denen Obst und Gemüse für den täglichen Bedarf angebaut wurde. Hier wuchs nur, was die Menschen nährte, Schönheit war Luxus. Ende der 1950er Jahre wendete sich das Blatt, der Wohlstand kehrte zurück und mit ihm die Lust an der Hortikultur, an der kunstvollen Gestalltung der Freiflächen. Man spricht auch vom Beginn der Moderne, allerdings vor gut 60 Jahren — vielleicht sollte man den Begriff heute zeitgemäß adaptieren.

Die Leistungsschau im Donaupark wurde zum Vorbild für Besucher:innen und Stadtgartenämter. Man pflanzte was das Zeug hielt und das Geldbörserl hergab. Und alsbald erstrahlten die Grünflächen ob privat oder öffentlich nach dem Vorbild der Gartenschau, so auch in Stockerau bis heute.
Der Trend hielt lange Zeit an, die Beete wurden gemulcht, gedüngt, mit Insektiziden und Herbiziden gespritzt, sodass nichts Unerwünschtes wuchs, nichts Unerwünschtes sich von den Pflanzen nährte. Verblühtes wurde gegen gerade erst Aufblühendes ausgetauscht, gern und oft als Blumenkalender im Rhytmus der Jahreszeiten.
Beginn des Verstehens
Erst in den 1980er Jahren kam der Umweltschutzgedanke in den Köpfen der Menschen an. Man wusste bereits, dass solche Beete eine ökologische Katastrophe darstellten. Peu à peu wurden die Spritzmittel reguliert und teilweise vom Markt genommen, sehr zum Leidwesen der Prachtgärtner:innen.
In den 2000er Jahren begann ein langsames Annähern an die Natur. Das ökologische Bewusstsein wuchs, und zunehmend setzte auch der Klimawandel diesen oft offenen Beeten zu.
Es begann ein grundlegendes Umdenken:
Staudenbeete mit meist mehrjährigen Pflanzen, massiven Wurzeln, viele mit Speicherorganen, sollen der Dürre und der Trockenheit trotzen und damit den Insekten ganzjährig reichlich Nahrung und Lebensraum bieten und trotzdem oder gerade deswegen die Menchen erfreuen.
Viertelfestival
So ein Beet hat die Stockerauer Künstlerin, Johanna Finckh, im Rahmen ihres Kunstprojekts „Wilder Weg“ in der Bahnhofstraße angelegt. Für Stockerau etwas Revolutionäres. Was in anderen Städten bereits gelebte Praxis ist, scheint hier ein Dorn im Auge.
Ja, im ersten Jahre schauen solche Beete etwas zerrupft aus, es dauert bis sie sich entwickeln, doch dann garantieren sie jahrelange pflegeextensive Pracht, Inseln der Biodiversität, Nahrung und Lebensraum, aber auch die Möglichkeit die phantastische Welt vor der Haustür zu bestaunen, die Vielfalt an Pflanzen die sich einstellt und mit ihnen die zahlreichen Insekten, die sie besuchen,
Solche Trittsteinbiotope erleichtern v.a. der flugfähigen Fauna das Erreichen weiterer Nahrungs- und Nistplätze und stellen einen anerkannten ökologischen Nutzen im urbanen Raum dar.
Dieses kleine Stadtbiotop durfte von April bis September zeigen, was diese Pflanzen können: nicht nur den Sommer 2026 schadlos überdauern, sondern bis zu ihrem gewaltsamen Ende Wildbienen füttern, zahlreichen Insekten Unterschlupf und Lebensraum bieten.
Endgegener Stadtgartenamt
Doch im September 2026 war Schluss damit. Das Stockerauer Stadtgartenamt, Endgegner der Biodiversität, mähte, mulchte und fräste den Wildwuchs weg. Gesetzt wurden statt dessen die typischen Stockerauer Stiefmütterchen in Landesfarben (blau / gelb) sowie die in Stockerau offenbar unvermeidbare Katzenminze.

Die Katzenminze ist gar nicht so schlecht, ein perennierender Lippenblütler, also mehrjährig, gilt als insektenfreundlich, zwar nicht heimisch aber immerhin. Trotzdem bitte nicht überall in fast jedem Beet, es existiert so viel Vielfalt.
Vielleicht repräsentieren die Stockerauer Beete ja ohnehin den mehrheitlichen Stockerauer Spirit. Und vielleicht strebt Stockerau mit der Hommage an die WIG 64 / 74 einen musealen Status an, vielleicht sogar UNESCO Weltkulturerbe an. Wer kann es wissen.

Genießt derweil, bevor sich Stockerau sdem Mainstream anschließt, eine Zeitreise in die 1960er und 1970er Jahre. Die Wildbienen und Vögel, Igel und Eidechsen finden ohnehin in ausgewählten Hausgärten sowie auf diversen Baubrachen ihren Platz.
Pro Tipp: Da die Staudenbeete pflegeextensiv sind, könnten sie auch dem maroden Stadtbudget helfen, nebst ihrer ökologischen Vorteile sind sie finanziell ein echte Entlastung fürs Stadtbudegt — win-win-win
Derweil: Gute Nacht Stockerau
Interessierte finden in den Links Anregungen und Bewertungen urbaner Biotopflächen. Ich empfehle die Lekture ausdrücklich auch dem Stadtgartenamt bzw, seinen Mitarbeiter:innen, sowie den städtischen Entscheidungsträger:innen.
Dass die Liebe zum Wilden nicht so neu ist, verdeutlichen auch zwei Gedichte von H.C. Artmann aus dem Band „mit ana schwoazn tintn“
guade und bese gertna (H.C. Artmann
no und wau scho (H.c´C. Artmann)
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Requiem (sto)
Die Gstettn (sto)
Staudenbeete in Krems vor Kurzem angelegt!
Klick auf Bild öffnet die Lightbox
Der Wilde Weg & andere Wildflächen
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Beetkultur in Stockerau — c.f. WIG 64
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Weiterführende Links
Wikipedia: WIG 64 bietet einen Überblick über die Wiener Internationale Gartenschau von 1964 und die Entstehung des Donauparks.
Das Wien Museum: Die grüne Nachkriegsmoderne ordnet die WIG 64 in die Stadtplanung, Gartengestaltung und Fortschrittsvorstellungen der Nachkriegszeit ein. Die Seite dokumentiert die Ausstellung von 2014.
Die Jubiläumsbroschüre der Stadt Wien zum Donaupark (PDF) beleuchtet die Geschichte des Geländes, die Gartenschau und die Entwicklung der Parkanlage.
Im Filmarchiv Austria: Eröffnung der WIG 64 (Video) vermitteln historische Filmaufnahmen einen zeitgenössischen Eindruck von der Eröffnung der Gartenschau.
Der ORF-Beitrag „WIG 64: Der Start in die Modernität“ blickt auf die Gartenschau als Symbol des Wiederaufbaus und des Wiener Aufbruchs in die Moderne zurück.
Der BUND Frankfurt erklärt Trittsteinbiotope und ihre Bedeutung für die Vernetzung einzelner Lebensräume sowie den Erhalt der biologischen Vielfalt in der Stadt.
Unter „Gestatten: Wildnis.“ zeigt die Stadt Wien, weshalb Gstätten wertvolle Lebensräume und Naturerfahrungsorte sind und wie Trittsteinbiotope zur Vernetzung der Stadtnatur beitragen.
Der NABU Leipzig: Baumscheiben als Biotop-Trittsteine beschreibt, wie die kleinen Bodenflächen rund um Straßenbäume zur Artenvielfalt beitragen können, und gibt praktische Hinweise zur naturnahen Begrünung.
Mit der Fachplanung Stadtnatur stellt die Stadt Zürich ihre planerischen Grundlagen zur Förderung der Biodiversität und zur Vernetzung von Lebensräumen im Stadtgebiet vor.
Das NABU-Positionspapier Stadtnatur (PDF) bündelt Vorschläge und Forderungen für artenreiche, lebenswerte Städte – von Grünflächen und Stadtbäumen über Gebäude bis zum Umgang mit Boden und Wasser.


