Gstätten – unterschätzte Lebensräume mitten in der Stadt
Gstätten wirken auf den ersten Blick oft ungepflegt oder ungeordnet. Sie sind von der menschlichen Nutzung temporär befreit.
Ökologisch können solche Flächen jedoch ausgesprochen wertvoll sein. Offene Böden, blütenreiche Ruderalvegetation, Altgras, Gebüsche und junge Gehölze bilden ein vielfältiges Mosaik, das zahlreichen Pflanzen und Tieren Lebensraum bietet.
Was ist eine Gstättn?
Der österreichische Ausdruck Gstättn bezeichnet eine meist vorübergehend manchmal auch dauerhaft ungenutzte Fläche, auf der sich die Vegetation weitgehend spontan entwickeln kann. Dazu zählen unbebaute Grundstücke, aufgelassene Lagerplätze, Bahnbrachen, ehemalige Gewerbeflächen, Straßenränder, Schotterflächen und weitere wenig gepflegte Freiräume.
In der Fachsprache werden solche Standorte je nach Entstehung und Entwicklung als Brachflächen, Ruderalflächen, Sukzessionsflächen oder Stadtwildnis bezeichnet. Der Begriff Gstättn ist kein eindeutig festgelegter wissenschaftlicher Biotoptyp, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Flächen.
H. C. Artmann beschreibt in seinem Gedicht „Na und waun scho“ die Gstätten – hier vertont von Konrad Beikircher.
Wildnis
In der Ökologie und im Naturschutz bezeichnet Wildnis einen Raum, in dem natürliche Prozesse weitgehend ohne menschliche Steuerung ablaufen. Die Natur darf sich dort eigendynamisch entwickeln – einschließlich Sukzession, Alterung, Zerfall und natürlicher Störungen wie Hochwasser, Sturm, Feuer oder Schädlingsbefall. Gstetten sind somit oft Wildnisgebiete
Die Wiener Umweltanwaltschaft beschreibt Gstätten als wilde Grünflächen, verwilderte Freiräume und Brachen, die nicht oder nur sehr wenig gepflegt werden. Gerade das Fehlen einer intensiven Gestaltung ermöglicht natürliche Entwicklungen, die in Parks, Gärten und regelmäßig gemähten Grünanlagen kaum zugelassen werden.
Vielfalt durch Unordnung
Der besondere ökologische Wert einer Gstättn liegt häufig in ihrer strukturellen Vielfalt. Auf engem Raum können offene Sand-, Lehm- oder Schotterflächen, niedrige Pioniervegetation, blütenreiche Hochstauden, Altgras, Gebüsche, Einzelbäume, Totholz und kleine feuchte Mulden nebeneinander vorkommen.
Diese scheinbare Unordnung schafft unterschiedliche Temperaturen, Bodenverhältnisse, Lichtverhältnisse und Feuchtigkeitsstufen. Dadurch entstehen zahlreiche ökologische Nischen. Manche Arten benötigen offene, stark besonnte Böden, andere dichte Staudenbestände, Gebüsche oder abgestorbene Pflanzenstängel.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass für die Artenvielfalt einer Gstättn vor allem ihre Größe, ihr Alter, die Bodenverhältnisse, das Mikroklima, die Vegetationsstruktur und die Verbindung zu anderen Grünflächen entscheidend sind. Besonders wertvoll sind Flächen, auf denen verschiedene Entwicklungsstadien gleichzeitig vorhanden sind.
Ersatzlebensräume
Viele natürliche Pionierlebensräume sind in der heutigen Kulturlandschaft selten geworden. Frei fließende Flüsse mit Schotterbänken, offene Sandflächen, Abbruchkanten, lückige Trockenrasen und regelmäßig durch natürliche Vorgänge gestörte Böden wurden durch Verbauung, Flussregulierung und intensive Landnutzung stark zurückgedrängt.
Gstätten können manche dieser Lebensräume zumindest teilweise ersetzen. Trockene, warme und nährstoffarme Bereiche bieten Bedingungen, die in intensiv gepflegten Grünanlagen kaum vorkommen. Davon profitieren unter anderem Wildbienen, Grabwespen, Heuschrecken, Laufkäfer, Spinnen und wärmeliebende Reptilien.
Auch zahlreiche Pflanzen sind auf offene oder regelmäßig gestörte Standorte angewiesen. Typische Arten der Ruderalvegetation besiedeln Rohböden, Schutt, Kies und nährstoffarme Substrate oft schneller als konkurrenzstarke Gräser oder Gehölze.
seltene Insekten darunter Wildbienen
Für Wildbienen können Gstätten gleichzeitig Nahrung und Nistplätze bereitstellen. Blütenpflanzen wie Natternkopf, Wegwarte, Königskerzen, Disteln, Malven, Steinklee und verschiedene Kleearten sorgen über längere Zeit für Pollen und Nektar. Viele Wildbienenarten nisten nicht in Bienenhotels, sondern im Boden. Sie benötigen offene, möglichst ungestörte Sand-, Lehm- oder Lössflächen.
Auch Schmetterlinge, Nachtfalter, Schwebfliegen, Heuschrecken, Grillen, Zikaden, Wanzen, Käfer, Wespen, Ameisen und zahlreiche Fliegenarten finden hier Nahrung, Fortpflanzungsstätten und Winterquartiere.
Eine Untersuchung urbaner Brachen zeigte, dass insbesondere blütenreiche Flächen mit offenen Bodenstellen, niedriger Vegetation, einzelnen Sträuchern und geringer Störung wertvolle Ersatzlebensräume für Wildbienen sein können. Entscheidend ist nicht bloß, dass eine Fläche ungenutzt ist, sondern ob ausreichend Nahrung, Nistmöglichkeiten und unterschiedliche Strukturen vorhanden sind.
Junge und alte Gstätten
Eine Gstättn verändert sich im Laufe der Zeit. Auf zunächst offenen Böden erscheinen einjährige Pionierpflanzen. Danach folgen mehrjährige Kräuter, Gräser und Hochstauden. Ohne weitere Störung breiten sich schließlich Sträucher und junge Bäume aus. Dieser natürliche Entwicklungsprozess wird als Sukzession bezeichnet.
Junge Gstätten sind besonders wichtig für Arten, die offene, trockene und stark besonnte Böden benötigen. Ältere Sukzessionsflächen bieten dagegen mehr Deckung, Totholz, Gebüsche und Nistmöglichkeiten für Vögel. Kein Entwicklungsstadium ist grundsätzlich wertvoller als alle anderen.
Ökologisch besonders günstig ist häufig ein Mosaik aus jungen und älteren Bereichen. Werden sämtliche offenen Flächen vollständig mit Gehölzen überwachsen, verschwinden viele wärmeliebende Pionierarten. Wird dagegen regelmäßig die gesamte Vegetation entfernt, gehen Altgras, Hochstauden, Gebüsche und Überwinterungsplätze verloren.
Warum intensive Pflege schaden kann
Eine Gstättn wird nicht automatisch wertvoller, wenn sie gemäht, gemulcht, mit Humus bedeckt oder gärtnerisch gestaltet wird. Gerade offene Rohböden, trockene Pflanzenstängel, Altgras, Steinhaufen und kleine Gebüsche sind wichtige Lebensraumelemente.
Untersuchungen städtischer Grünflächen zeigen, dass intensiv gepflegte Parkanlagen für bestimmte Tiergruppen artenärmer sein können als extensiv gepflegte Grünflächen und Ruderalstandorte. Häufiges Mähen beseitigt Blüten, zerstört Aufenthalts- und Entwicklungsorte von Insekten und verhindert, dass Pflanzen Samen bilden.
Das bedeutet nicht, dass Gstätten überhaupt nicht gepflegt werden dürfen. Eine abschnittsweise und zeitlich gestaffelte Pflege kann notwendig sein, um verschiedene Strukturen zu erhalten. Dabei sollte niemals die gesamte Fläche gleichzeitig gemäht oder geräumt werden. Offene Bodenstellen, Altgras, abgestorbene Pflanzenstängel, Totholz und einzelne Gebüsche sollten erhalten bleiben.Wir sprechen von einer kuratierten Gsätten, in der der menschliche Eingriff die Biodiversität fördert. Meist jedoch wird oft auf nachbarschaftlichen Wunsch das Gesamte Gebiet gemäht, glegentlich auch gemulcht — auf Null zurückgesetzt.
Trittsteine im städtischen Biotopverbund
In dicht bebauten Gebieten können Gstätten wichtige Trittsteinbiotope bilden. Tiere und Pflanzen nutzen sie als Zwischenstation zwischen Parks, Gärten, Gewässern, Bahndämmen, Böschungen und größeren Naturräumen.
Eine einzelne kleine Fläche kann für sich allein betrachtet unscheinbar wirken. Als Teil eines Netzes aus mehreren Grünflächen kann sie jedoch zur Ausbreitung von Arten beitragen. Besonders wichtig sind Verbindungen entlang von Bahnlinien, Gewässern, Böschungen und anderen linearen Landschaftselementen.
Weitere Leistungen für die Stadt
Neben ihrer Bedeutung für Pflanzen und Tiere erfüllen Gstätten weitere Funktionen. Unversiegelte Böden können Niederschlagswasser aufnehmen und speichern. Vegetation beschattet den Boden, bindet Staub und trägt an heißen Tagen zur Kühlung der unmittelbaren Umgebung bei.
Spontane Vegetation unterstützt außerdem Bodenbildung, Kohlenstoffspeicherung und Bestäubung. Für Menschen bieten Gstätten Möglichkeiten zur Naturbeobachtung und zum unmittelbaren Erleben natürlicher Entwicklungen. Gerade Kinder können dort Pflanzen, Insekten und jahreszeitliche Veränderungen kennenlernen, die in stark gestalteten Grünanlagen kaum sichtbar werden.
Nicht jede Gstättn ist automatisch wertvoll
Der ökologische Zustand muss bei jeder Fläche gesondert untersucht werden. Stark versiegelte, regelmäßig befahrene oder mit Schadstoffen belastete Standorte können nur einen geringen Lebensraumwert besitzen. Auch sehr kleine, isolierte Flächen oder dichte Dominanzbestände einzelner Pflanzenarten sind nicht zwangsläufig artenreich.
Umgekehrt darf eine Fläche nicht allein wegen Schutt, trockener Vegetation oder gebietsfremder Pflanzen als wertlos eingestuft werden. Entscheidend sind die tatsächlich vorhandenen Arten, die Bodenverhältnisse, das Blütenangebot, offene Bodenstellen, Kleinstrukturen und die Lage innerhalb des Grünraumnetzes.
Neophyten
Gstätten und andere Ruderalflächen sind jedoch auch sehr anfällig für Neophyten. Gerade die invasiven Arten wie etwa der Götterbaum, Blauglockenbaum, Robine, Kanadische Glodrute und das Einjährige Berufskraut können bei Massenauftreten den ökologischen Wert mindern, repektive sogar als unerwünschter Verbreiter dienen.
Kartierung & Evaluierung
Gstätten werden häufig als Baulandreserve oder als aufzuräumende Restflächen betrachtet. Räumung, Bebauung oder intensive Begrünung können jedoch Lebensräume zerstören, deren Bedeutung zuvor nicht erkannt wurde.
Vor größeren Eingriffen sollte daher eine fachkundige Erhebung von Pflanzen, Wildbienen, Heuschrecken, Käfern, Schmetterlingen, Vögeln und Reptilien erfolgen. Eine einzelne Begehung reicht dafür meist nicht aus, weil viele Arten nur zu bestimmten Jahreszeiten nachweisbar sind.
Auch bei einer späteren Nutzung muss nicht zwangsläufig die gesamte Fläche verloren gehen. Wertvolle Teilbereiche können erhalten, offene Bodenstellen neu geschaffen und bestehende Strukturen in Grünraumkonzepte integriert werden.
Fazit
Gstätten sind keine wertlosen Lücken zwischen bebauten und gepflegten Flächen. Sie können vielfältige und dynamische Lebensräume sein, in denen natürliche Entwicklungen weitgehend ohne menschliche Planung stattfinden.
Ihre ökologische Bedeutung entsteht durch offene Böden, spontane Vegetation, ein reiches Blütenangebot, unterschiedliche Sukzessionsstadien und eine meist geringe Pflegeintensität. Besonders wertvoll sind strukturreiche Flächen, auf denen Offenboden, Stauden, Altgras, Gebüsche und Gehölze nebeneinander bestehen.
Eine Gstättn sollte daher nicht vorschnell geräumt, gemulcht oder verbaut werden. Bevor eingegriffen wird, muss geklärt werden, welche Arten dort leben und welche Funktion die Fläche im städtischen Biotopverbund erfüllt. Was ungeordnet aussieht, kann für die biologische Vielfalt von großer Bedeutung sein.
Mit dem zunehmenden Verlust an Lebensräumen, sollte man überlegen, die Gstätten als FFH Fläche also Natura 2000 Gebiet aufzunehmen und stellenweise zu widmen, respektive sie auf andere geeignete Weise unter Schutz zu stellen
Buchtipp:
David Bröderbauer: Acker Baulücke, Deponie, Ein Brachenatlas 
Literatur und weiterführende Quellen
Wiener Umweltanwaltschaft (2020): Am Anfang war die Gstett’n – Wiener Stadtwildnisflächen. 7. überarbeitete Auflage, Wien. Eine anschauliche Einführung in die Entstehung, Entwicklung und ökologische Bedeutung Wiener Gstätten. Publikation als PDF öffnen
Geißelbrecht-Taferner, L.; Mucina, L. (1995): Vegetation der Brachen am Beispiel der Stadt Linz. Stapfia, Band 38, Seiten 1–154. Umfangreiche österreichische Untersuchung der Vegetation und Sukzession unterschiedlicher Stadtbrachen. Publikation als PDF öffnen
Bonthoux, S.; Brun, M.; Di Pietro, F.; Greulich, S.; Bouché-Pillon, S. (2014): How can wastelands promote biodiversity in cities? A review. Landscape and Urban Planning, Band 132, Seiten 79–88. Überblicksarbeit über die Bedeutung urbaner Brachen für die biologische Vielfalt. Zur wissenschaftlichen Veröffentlichung
Twerd, L.; Banaszak-Cibicka, W. (2019): Wastelands: their attractiveness and importance for preserving the diversity of wild bees in urban areas. Journal of Insect Conservation, Band 23, Seiten 573–588. Untersuchung zur Bedeutung unterschiedlicher Stadtbrachen für Wildbienen. Zur frei zugänglichen Veröffentlichung
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Robinson, S. L.; Lundholm, J. T. (2012): Ecosystem services provided by urban spontaneous vegetation. Urban Ecosystems, Band 15, Seiten 545–557. Untersuchung zu biologischer Vielfalt und Ökosystemleistungen spontan entstandener Stadtvegetation. Zur wissenschaftlichen Veröffentlichung

